xmonticello Monticello

"All my wishes end, where I hope my days will end, at Monticello".

Auf einem verträumten Hügel über Charlottesville im Westen Virginias steht es, das Haus, in dem all seine Wünsche gipfelten und auch seine Tage endeten: Monticello, ein Lebenstraum aus Stein, eine konkrete Utopie.
Ein halbes Leben lan hat er an ihr gebaut, sie wieder und wieder verändert, bis sie jenes neoklassizistische Kunstwerk war, das wie eine Revolution in den, wie er sagte, "missgestalteten Haufen kolonialer Architektur" platzte. Mehr noch: Die architektonische Revolution sollte optisch die politische unterstreichen, die er mit seiner Unabhängigkeitserklärung angezettelt hatte. Sie sollte Freiheit und Selbstbestimmung symbolisieren.

So wurde Monticello zu einem Sinnbild der ästhetischen und politischen Ideale von Thomas Jefferson, einem der Gründerväter der Neuen Republik und dritter Präsident der Vereinigten Staaten. Ganz nebenbei war das Universaltalent Architekt, Philosoph, Literat, Astronom, Physiker, Erfinder, Farmer - um nur einige seiner Zweit-Berufe zu nennen. "Ob ich früh oder spät zu Bett gehe, ich stehe mit der Sonne auf." Ein sorgsam ausgetüftelter Tagesplan regelt Jeffersons vielseitiges Leben auf Monticello, in das er sich, erschöpft von der Geistlosigkeit des Politikgeschäfts, am Ende seiner politischen Karriere endgültig zurückzieht. An diesem Ort, der ihm seine "tiefsten Befriedigungen" gebracht hat, kann er endlich das andere, intellektuelle und naturverbundene Leben führen, aus dem ihn die Politik immer wieder vertrieben hat. Hier gestattet sich der Ex-Präsident selbst jenes Grundrecht, das er in seiner Unabhängigkeitserklärung allen Menschen bescheinigt: "The pursuit of happiness", das Streben nach Glück. Dazu gehören für den Universalgelehrten auch so profane Dinge wie Messinstrumente. Vernarrt in Teleskope, Mikroskope, Thermometer, Kompasse und Fernrohre steckt er gleich nach dem Aufstehen alles, was tragbar ist, in seine Taschen - was ihm den Spitznamen "travelling calculator" einbringt - , misst die Temperatur, dann die Windrichtung, notiert alles fein säuberlich, um es am Abend auszuwerten. Typisch für Jefferson, dass er aus seinen privaten Erkenntnissen Gesetzmäßigkeiten ableitet, die allen nützen sollen.

"Die Wissenschaft ist nie vortrefflicher als dann, wenn sie auf die menschlichen Bedürfnisse angewandt wird." Besessen von einer intensiven Naturliebe hat er Monticello so auf dem Hügel platziert, dass Licht und Landschaft gleichsam ins Haus eintreten, Architektur und Natur miteinander kommunizieren. "Berge, Wälder, Flüsse. Mit welcher Majestät reiten wir hier über dem Sturm. Wie erhaben blicken wir hinunter in die Werkstatt der Natur... sehen die herrliche Sonne, wenn sie sich wie aus entfernten Gewässern erhebt...und aller Natur Leben spendet."

Mit 5000 Morgen Land besitzt Jefferson eine ganz beachtliche "Werkstatt der Natur". Da aber der Großgrundbesitzer von erhabenen Blicken auf sein Land allein nicht leben kann, muss die Natur-Werkstatt auch Erträge abwerfen. Der Landschaftsarchitekt u n d Farmer verbindet auch hier wieder Ästhetik und Nützlichkeitsdenken. "Der größte Dienst, der einem Land dargebracht werden kann, ist, seiner Kultur eine nutzbringende Pflanze beizufügen." Er selbst arbeitet leidenschaftlich daran. Züchtet unzählige Nutzpflanzen, wühlt eigenhändig in der Erde, weil er eigentlich lieber Farmer denn Präsident geworden wäre. Seinem großen politischen Ideal eines Agrarstaates folgend, soll Monticello im Kleinen beweisen, dass es seine Bewohner durch Landwirtschaft ernähren kann. Aber ohne seine Sklaven wäre der Agrar-Kleinstaat zusammengebrochen. In Sichtweite auf das herrschaftliche Haus lebten sie hier in ihren kleinen Hütten und fabrizierten nach der Plantagenarbeit Nägel, Möbel, Textilien. Ein "gütiger Herr" sei Mister Jefferson gewesen, erinnert sich der Sklave Isaac, der, tragische Ironie, mit Nachnamen auch Jefferson hieß. Eine Gleichheit, die aber nichts bedeutet. "Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören."

Die Unabhängigkeitserklärung, Jefferson politisches Meisterwerk,dass zu einem Markstein in der Menschheitsgeschichte wurde, enthielt die Forderung nach Abschaffung der Sklaverei. Aber nach dem der Kongress sie gestrichen hatte, vertagte der Vorkämpfer für Freiheitsrechte das Problem in die Zukunft. Diese Widersprüchlichkeit dürfte Jefferson ein Leben lang gequält haben. Zumal es seine Sklaven waren, die Monticello gebaut haben - jenes architektonische Symbol für Menschenwürde und Freiheit.

"Ich bin ein Kunstenthusiast. Aber für diesen Enthusiasmus schäme ich mich nicht, da er zum Ziel hat, den Geschmack meiner Landsleute zu verbesern, ihr Ansehen zu mehren, ihnen den Respekt der Welt zu verschaffen."

Das Kunstwerk Monticello wird somit zu einer Art ästhetischen Unabhängigkeitserklärung, die dem Mutterland und der ganzen Welt auch die kulturelle Eigenständigkeit Amerikas demonstrieren soll. Mit seiner Vision einer amerikanischen Architektur am Beispiel Monticellos, das er seinen "essay in architecture", nennt, hat Jefferson tatsächlich eine neue Bauästhetik etabliert - sein "essay" schreibt bis heute amerikanische Architekturgeschichte.

So präzise und schnörkellos wie die Sprache der Unabhängigkeitserklärung ist Jeffersons Formensprache: Die mathematisch korrekten Proportionen werden zu einer Art Signatur von ihm.

Als exzellenter Kenner und großer Bewunderer der Baukunst der römischen Antike ist Jefferson von deren Adaption durch den großen Renaissance-Baumeister Andrea Palladio zutiefst beeindruckt. Dessen Neoklassizismus wird für den Autodidakten zu einer Art Religion, Palladios "Vier Bücher der Architektur" nennt Jefferson "seine Bibel". Die Formen des Neoklassizismus erscheinen ihm von "universeller und ewiger Natur". Auf diesen alten Wurzeln, die, so Jefferson, "die Zustimmung von tausenden von Jahren haben", will er die Architektur der Neuen Welt verankern, auf dieser antiken Basis soll sich eine amerikanische Bauästhetik entwickeln. Es ist das erste Privathaus in Amerika, das von einer Kuppel umwölbt wird. Offenbar genügt es ihm, dass der "Dome room" dem Haus nach außen hin Würde verleiht. Benutzt wurde er vermutlich nie. Vom Schwung der Kuppel bis zur Rundung der silbernen Milchkanne, die er selbst entworfen hat, ist Monticello ein durch und durch autobiografisches Haus, ein Spiegel des Geistes und erlesenen Geschmacks seines Erbauers. Die vielen Gäste, die er wie ein Magnet anzieht, trifft er am späten Nachmittag, wenn er seine Studien im Freien beendet hat, zum Dinner. Und damit die geistreiche Konversation an dieser Tafel nicht durch geschäftige Diener gestört wird, erfindet er den Flaschenzug, der, dezent in den Kamin integriert, den Wein aus dem Keller nach oben transportierte. Unten saß wohl einsam ein Sklave, der für Nachschub sorgte.

"Nach dem Dinner bis zur einbrechenden Dunkelheit widme ich mich der Geselligkeit." Der Salon ist der gesellschaftliche Mittelpunkt des Lebens auf Monticello. Der großzügige Raum reflektiert am anschaulichsten das große humanistische Bildungsideal Jeffersons. Konsequent hat der "Weise von Monticello", wie ihn seine Gäste nennen, auch die Innenräume nach den antiken Regeln der Proportion und Dekoration komponiert. Aus jedem Detail spricht die klassische Gesinnung des Hausherrn.

"Vom Sonnenuntergang bis 1 oder 2 Uhr nachts, arbeite ich an meinem Schreibtisch." Er steht in Jeffersons "sanctum sanctorum", seinem Allerheiligsten, das nur selten Besucher betreten dürfen. Hierher zieht er sich vor allem nachts zurück, um sich ganz seinen unzähligen Studien hinzugeben, seine Messungen vom Tag auszuwerten, über die eine oder andere neue Erfindung nachzudenken. Ein drehbares Lesepult, an dem er in fünf Büchern gleichzeitig lesen konnte, ist so eine. Oder der Polygraph: Mit diesem praktischen Ding, das er besonders schätzte, ließ sich zumindest e i n e Kopie seiner umfangreichen Korrespondenz und seiner zahlreichen Abhandlungen anfertigen.

"Ich kann ohne Bücher nicht leben", schreibt er an John Adams, nachdem er 1815 den größten Teil seiner riesigen Bibliothek dem Kongress verkauft hatte. Ein Feuer im Capitol, von den Briten gelegt, vernichtete dort zuvor alle Bücher. Jeffersons Bibliothek ist bis heute Kern der Library of Congress. Von der antiken bis zur modernen Literatur hat den Universalgelehrten einfach a l l e s interessiert. John F. Kennedy bemerkte einmal, dass es, seit Thomas Jefferson a l l e i n am Tisch des Weißen Hauses saß, nie mehr ein so eindrucksvolles Zusammentreffen menschlicher Begabungen an diesem Tisch gegeben hätte.

Es ist sicherer, alle Bürger ausreichend zu belehren, als wenige auf einem hohen Stand der Wissenschaft und die vielen in Unwissenheit zu halten. Letzteres ist der gefährlichste Zustand für ein Volk." Wie Freiheit und Selbstbestimmung ist Bildung für den überzeugten Aufklärer ein Bürgerrecht, weil sie Voraussetzung jedweder Partizipation am Staat ist. Als Jefferson zehn Jahre vor seinem Tod den Auftrag zur Gründung einer Universität bekommt, ist das die Krönung seines Lebenswerks. Ein letztes Mal stellt er seine Architektur in den Dienst der Aufklärung und entwirft nach Monticello ein weiteres, autobiografisches Gebäude. Wieder greift er auf klassische Vorbilder zurück. Inmitten einer weiten Rasenfläche hat er eine Art Mini-Pantheon platziert. Es ist der Mittelpunkt des "academical village", einem in der Neuen Welt beispiellosen Universitätsdorf, in dem Professoren und Studenten bis heute zusammenleben. Ein für die damalige Zeit völlig neues Konzept, das Bildung als permanenten Austausch in einem kreativen Lebensraum verstand. "Durch Weisheit wird ein Haus gebaut, durch Verstehen wird es eingerichtet und Wissen soll die Räume füllen".

Mit dem Bau der Universität in Charlotteville vollendet Jefferson gewissermaßen die Unabhängigkeitserklärung, die, als Grundrecht eines jeden Bürgers, das Streben nach Glück fest schreibt. Ohne Bildung ist für ihn dieses Streben erfolglos, denn erst sie ermöglicht dem einzelnen den Aufstieg zu höheren Stufen der Erkenntnis. Die Universität von Virginia ist wie keine andere in Amerika ist so eng mit ihrem Erbauer verbunden: Denn er war nicht nur ihr Architekt, er hat auch ihre Lehrpläne verfasst und die Bibliothek aufgebaut, die früher hier in der Rotunde untergebracht war. Jefferson, der ohne Pathos der Vater der Universität genannt werden darf, hat denn auch die Entwicklung seines "Kindes" keinen Tag aus den Augen gelassen. Konnte er nicht vor Ort sein, beobachtete er die Bauarbeiten per Teleskop von Monticello aus.

"All my wishes end, where I hope my days will end, at Monticello."

Am 4. Juli 1826 enden Jeffersons Tage auf Monticello. Dass der Bau der Universität für ihn höhere Priorität hatte als sein Präsidentenamt, zeigt sein letzter Wille: Auf dem Grabstein im Garten von Monticello stehen die drei Leistungen, die man für immer mit ihm verbinden sollte: Die Unabhängigkeitserklärung, die Virginia-Akte über religiöse Freiheit und die Gründung der Universität von Viriginia.
Useful links
Last updated  2008/09/28 08:15:09 EDTHits  369